Mit einem eindringlichen Plädoyer für Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftliche Verantwortung hat Prof. Dr. jur. Dr. phil. Michel Friedman am Campus Mühldorf am Inn der Technischen Hochschule Rosenheim zahlreiche Gäste zum Nachdenken und Diskutieren angeregt. Friedman las aus seinem aktuellen Buch „Mensch! – Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“ und sprach anschließend mit dem Publikum über die Herausforderungen einer offenen Gesellschaft.
Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie demokratische Werte in einer Zeit zunehmender Polarisierung gestärkt werden können. Friedman betonte, dass Demokratie vom Engagement jedes Einzelnen lebe und im Alltag immer wieder eingeübt werden müsse.
„Demokratie lebt vom Streit im besten Sinne des Wortes. Streit bedeutet, dass ich mich in Frage stelle, Argumente austausche und bereit bin, dem anderen zuzuhören. Die Voraussetzung dafür ist die Anerkennung der Würde des Gegenübers. Jeder ist ein Jemand“, sagte Friedman. Unterschiedliche Meinungen müssten mit Argumenten ausgetragen werden – eine Lüge könne keine Grundlage eines demokratischen Diskurses sein.
Mit Sorge blickte Friedman auf antidemokratische Bewegungen in Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig machte er deutlich, dass demokratische Entwicklungen gestaltbar seien: „Wir können es anders machen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.“
Bildung als Grundlage für Freiheit und Teilhabe
Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags war das Thema Bildung. Friedman kritisierte, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft die Herkunft eines Kindes noch immer maßgeblich dessen Bildungsweg beeinflusse. Es sei ein gesellschaftlicher Skandal, dass Bildungschancen weiterhin so stark vom Elternhaus abhingen. Hier sei es die Verantwortung der Gesellschaft, Veränderungen anzustoßen.
Darüber hinaus hob Friedman die Bedeutung emotionaler Bildung hervor. Neben Fachwissen brauche es Fähigkeiten wie Empathie, Zuhören und die Bereitschaft, andere Perspektiven einzunehmen. Auch Schulen und Hochschulen seien wichtige Orte, an denen junge Menschen Demokratie erfahren und lernen könnten – etwa durch Beteiligung, Diskussion und das Erleben eigener Wirksamkeit.
Verbindung von gesellschaftlichen Debatten mit dem Leitgedanken des Campus
„Wir freuen uns sehr, dass wir Michel Friedman für unseren Campus Talk gewinnen konnten. Er ist ein unermüdlicher Kämpfer für die Demokratie und erhebt seine Stimme klar gegen Rassismus und Ausgrenzung“, sagte Dekan Prof. Dr. Alp Aslan. „Mit der Veranstaltungsreihe möchten wir Menschen ermöglichen, öffentliche Debatten mitzugestalten, neue Perspektiven kennenzulernen und über zentrale gesellschaftliche Fragen ins Gespräch zu kommen.“
Die Veranstaltung fügte sich in besonderer Weise in den Leitgedanken des Campus Mühldorf am Inn - „Studieren, wo der Mensch zählt“ - ein. „Der Mensch steht sowohl im Mittelpunkt unserer Studienangebote als auch der Themen, die Michel Friedman in seinem Buch aufgreift. Menschenwürde, Verantwortung und gesellschaftliches Miteinander sind zentrale Fragen, mit denen wir uns auch in unseren Studiengängen beschäftigen“, ergänzte Aslan.
Am Campus Mühldorf am Inn der TH Rosenheim stehen mit den Studiengängen Angewandte Psychologie, Soziale Arbeit und Pädagogik der Kindheit die Menschen in all ihrer individuellen Vielfalt, ihren Lebenslagen und ihrer gesellschaftlichen Eingebunden- und Bedingtheit im Mittelpunkt.
Impressionen von der Lesung
Intensiver Austausch mit dem Publikum
Die Gesprächsrunde, moderiert von Prof. Barbara Solf-Leipold, bot den Gästen die Möglichkeit zum direkten Austausch mit Friedman. Zahlreiche Wortmeldungen zeigten das große Interesse an den angesprochenen Themen – von Demokratie und Bildung bis hin zu Ausgrenzung und gesellschaftlicher Verantwortung. 150 Gäste nutzten die Gelegenheit, den renommierten Juristen, Philosophen, Publizisten und Autor persönlich zu erleben und über die Werte einer demokratischen Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.
Ausblick auf die nächste Veranstaltung am Campus Mühldorf am Inn
Die Veranstaltungsreihe wird am Dienstag, 30. Juni 2026, fortgesetzt: Der Schriftsteller Markus Ostermair liest am Campus Mühldorf am Inn aus seinem vielfach ausgezeichneten Roman „Der Sandler“ und diskutiert gemeinsam mit Prof. Dr. Philipp Wulf sowie dem Publikum über Literatur, gesellschaftliche Ausgrenzung und das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Die Veranstaltung findet von 17:30 bis 20:00 Uhr statt und ist kostenfrei.