Gerda Stauner blickt auf ihr Studium zurück
"Ein Ort des lebendigen Miteinanders"
Gerda Stauner studierte von Oktober 1994 bis Februar 1998 Betriebswirtschaftslehre an der FH Rosenheim. Die Autorin, Schriftstellerin und Podcasterin lebt in Regensburg und schreibt Hörspiele, Theaterstücke und Romane. Ihr Wissen gibt sie in Schreibseminaren und Workshops weiter. Außerdem hostet sie den Podcast „Bayern kurios“. Anfang 2025 erschien ihr neuer Roman: „Wo ist dieses Glück noch mal?“ Gerne erinnert sie sich an ihre Studienzeit in Rosenheim:
"Meine Terrasse ist wie jeden Herbst über und über mit Blättern bedeckt. Das welke Laub erinnert mich daran, dass ich meinen Gummibaum schleunigst ins Treppenhaus bringen muss, bevor der erste Frost Schäden an den großen, dunkelgrünen Blättern anrichten kann, die sich fast so glatt wie Porzellan anfühlen, wenn man sie zwischen die Finger nimmt. Durch die Terrassentür betrachte ich dieses ausladende, fast drei Meter hohe Gewächs, das nun darauf wartet, in sein sicheres Winterquartier umziehen zu dürfen. Dieser 'Ficus elastica' begleitet mich nun schon seit drei Jahrzehnten und hat fünf Umzüge schadlos überstanden.
Als ich im Herbst 1994 von der Oberpfalz nach Rosenheim ging, um an der Fachhochschule Betriebswirtschaft zu studieren, war eine meiner ersten Besorgungen eben jener Gummibaum, der nun in meinem Garten in Regensburg steht. Ich fuhr in ein Gartencenter – oder vielleicht auch in einen Baumarkt, so genau kann ich das nicht mehr sagen – und kaufte eine kleine Pflanze mit nur einem Trieb, die meine Studentenwohnung an der Enzenspergerstraße etwas lebendiger machen sollte. Meinen neuen Lebensmittelpunkt hatte ich strategisch gut gewählt. Vom kleinen Balkon, auf der Rückseite des Hauses gelegen, hatte ich einen wunderbaren Blick zum Wendelstein, die AStA-Kneipe lag auf der anderen Seite der naheliegenden Brücke, und die Fahrt zur Hochschule dauerte mit dem Fahrrad nur knapp zehn Minuten. Auch das alte, karminrote Fahrrad meiner Mutter aus den 1960er-Jahren mit dem schnittigen Windhund auf dem vorderen Schutzblech begleitet mich übrigens noch immer, auch wenn ich mittlerweile lieber ein Rad mit Gangschaltung benutze.
Mit diesem alten Fahrrad machte ich mich also im Oktober 1994 auf, um an die Fachhochschule Rosenheim zu fahren und dort meine erste Vorlesung im Studiengang Betriebswirtschaft zu hören. Ich kann mich noch gut erinnern, dass der große Hörsaal vollkommen überfüllt war und der Dozent uns am Ende seines Vortrags aufforderte, einmal nach links und einmal nach rechts zu blicken. Dann meinte er vollkommen ernst: 'Am Ende dieses Semesters werden die Kommilitoninnen und Kommilitonen, die direkt neben Ihnen sitzen, nicht mehr an der Hochschule sein.' Und er lag mit seiner Prophezeiung richtig. Nach dem ersten Semester verließ ein großer Teil der BWL-Studierenden die FH, und wir anderen blieben mit dem Gefühl zurück, die erste Hürde erfolgreich gemeistert zu haben.
Damals betrug die Regelstudienzeit für den Diplomstudiengang acht Semester. Zwei davon waren Praxissemester, die ich aufgrund meiner beruflichen Vorbildung überspringen konnte und so nur sechs Semester in Rosenheim studierte. Während der ersten zwei Jahre durfte ich den eloquenten Ausführungen von Prof. Dr. Wolfgang Fikentscher in Volkswirtschaft lauschen. Auch Jahrzehnte später sehe ich noch vor mir, wie der drahtige Professor während seiner Vorlesungen den ganzen Hörsaal einnahm und uns schwungvoll gestikulierend Adam Smith und John Maynard Keynes näherbrachte. Die Vorlesungen in Steuerrecht waren dagegen gefürchtet, und so habe ich auch den Namen des Professors vergessen, der seine liebe Not damit hatte, uns die Bedeutung der Gesetzestexte verständlich zu machen. Nach drei Semestern sollte ich einen Schwerpunkt wählen und entschied mich für Personalwirtschaft. Ein Großteil der Studierenden bevorzugte Marketing, doch mir war die fast schon familiäre Atmosphäre bei Prof. Dr. Karl Wagner sehr viel lieber. In kleiner Runde mit nur einer Handvoll Kommilitoninnen und Kommilitonen konnten wir uns wirklich austauschen, über einzelne Themengebiete ausgiebig diskutieren und voneinander lernen.
Neben all diesen kleinen Details sind mir die Menschen in Erinnerung geblieben, die die Hochschule in Rosenheim so besonders machten. Die Mischung aus norddeutschen BWL-Studierenden, die wegen der Seen und Berge zum Studieren hierhergekommen waren, aus raubeinigen Holztechnikerinnen und Holztechnikern mit aufgekrempelten Flanellhemden und aus unkonventionellen Innenarchitektinnen und Innenarchitekten, die zwischen den Vorlesungen in ihre Blöcke kritzelten, machte den Ort zu einem lebendigen Miteinander. Einige meiner damaligen Mitstudierenden treffe ich auch heute noch. Die wenigsten arbeiten als klassische Betriebswirtinnen und Betriebswirte, und auch ich habe Zahlen gegen Buchstaben getauscht und bin Schriftstellerin geworden. Doch obwohl ich nun etwas vollkommen anderes mache, ist mir meine Studienzeit noch in bester Erinnerung geblieben, weil ich in Rosenheim eine fundierte Grundlage an breitgefächertem Wissen bekommen habe, die mich durch mein weiteres Leben getragen hat.
Ein Blick nach draußen zeigt mir, dass es langsam dunkel wird und ein frostiger Schleier sich vermutlich schon bald auf meinen Garten legen wird. Also werde ich meinen Gummibaum nun schleunigst in sein Winterquartier bringen. Denn dieser 'Ficus elastica' soll auch noch die nächsten 30 Jahre gut überstehen und mich an meine Studienzeit in Rosenheim erinnern."