Industrie- und Praxissemester
Forschungs-, Industrie- und Praxissemester
Eine wesentliche Stärke der Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist die Praxiserfahrung der Professoren. Um diese Kompetenz zu erhalten, nutzen die Professoren in der Fakultät für Informatik regelmäßig das Recht auf ein Praxissemester. Dies ist insbesondere in einem schnelllebigen Fach wie der Informatik dringend notwendig, damit den Studierenden nicht nur das theoretische Wissen aus den Büchern vermittelt wird, sondern auch die realen Probleme in den Firmen veranschaulicht
werden.
Industrie- und Praxissemester 2022
Praxispartner
QAware GmbH, eine IT-Firma die Dienstleistungen im Bereich Software-Engineering, darunter Cloud Native Architekturen, Requirements Engineering, Softwarearchitekturen, Reviews, Toolchain Management, anbietet.
Im Industriesemester wurde ein Projekt in der Automobilbranche bearbeitet.
Das Projekt
Das Projekt beinhaltet eine Backend Plattform in dem alle Systeme zur Materialwirtschaft und Logistik zusammenlaufen. Dabei sind mehrere Softwaresysteme miteinander zu koordinieren. Das zentrale System ist ein Informationshub, der Informationen von vielen Systemen sammelt, strukturiert aufbereitet und über einfache Serviceorientierte Schnittstellen anderen Systemen zur Verfügung stellt. Das Ziel des Projekts, in dem ich beteiligt war, ist der Umbau und Modernisierung der Backendsysteme auf Cloudbasierte Systeme mit Microservice Schnittstellen. Die betroffenen Daten sind die zentralen Daten, die alle Fahrzeuge beschreiben. Das Projekt läuft bereits seit zwei Jahren und ist voraussichtlich in zwei Jahren abgeschlossen. Dabei erfolgt eine stufenweise Umstellung der Systeme bis endgültig die Legacy Systeme abgeschaltet werden können.
Die Aufgabe
Meine Aufgabe war es im Exploration Team die Spezifikationen für die langfristigen Anforderungen zu erstellen. Zudem wurde ich eingesetzt, um die beteiligten Arbeitsgruppen bei der Modulübergreifenden Zielfindung voranzubringen.
Das System wird in einem agilen Vorgehen auf Basis von Scrum entwickelt. Das gab mir die Chance an allen Phasen eines Scrums teilzunehmen: Sprint Planning, Daily Scrum, Sprint Review, Sprint-Retrospektive. Im klassischen Scrum werden Aufgaben in User Stories verpackt. Bei langfristigere Themen muss zunächst das Thema fachlich durchdrungen und in Form von Mini-Spezifikationen beschrieben werden. Anschließend werden daraus technische Spezifikationen für die Implementierung entwickelt. Ich war an beiden Arten der Spezifikation beteiligt. Die Sprintlänge betrug in dem Projekt vier Wochen. Damit war ich an drei Sprints voll beteiligt. Im ersten Monat des Praxissemesters war eine fachliche und technische Einarbeitung in die komplexe Welt der Materialwirtschaft und Logistik eines global agierenden Automobilkonzern erforderlich.
Persönlicher Nutzen
Durch das Projekt konnte ich aktiv an einem agilen Entwicklungsprozess teilnehmen. Diese Vorgehensweise spielt eine wichtigere Rolle im Software Engineering und im Projektmanagement in der IT. Dies wird auch in unseren Lehrveranstaltungen vermittelt. Durch eine aktive Teilnahme als Mitglied in so einem Prozess kann man Erkenntnisse gewinnen, auf was man als Coach (Dozent) achten muss, damit man so etwas mit Studenten*innen umsetzen kann. Zusätzlich kam als Herausforderung die Auflagen durch Corona hinzu. Dies hatte als Konsequenz das, das gesamte Projekt von allen Beteiligten remote im Home-Office durchgeführt wurde. Durch dieses komplexe Projekt-Setting gewann ich neue Erkenntnisse welche modernen Tools und Techniken für eine kolaborative Zusammenarbeit geeignet sind. Alle Erkenntnisse zur agilen Vorgehensweise sowie zur remote New Work fließen in die Umsetzung meiner Studentenprojekte ein, die in Zukunft hybrid durchgeführt werden.
Nutzen für die Fakultät und die Hochschule
Ich habe aktuellste fachliche Kenntnisse im Bereich New Work und Agiles Software und Requirements Engineering erworben die unmittelbar in die Lehrveranstaltungen einfließen. Die Kontakte zur QAware werden durch Tätigkeiten von QAware Mitarbeiter als externe Dozenten für Veranstaltungen im Informatik Studium (z.B. Graphische Oberflächen, Cloud Computing, Software Qualitätssicherung) fortgesetzt.
Autor: Prof. Dr. Reiner Hüttl
Das Projekt
Im Rahmen eines halben Industriesemesters war ich im Wintersemester 2021/22 in einem SAP-Projekt bei einem schwedischen Unternehmen eingebunden. Gegenstand des Projektes war eine Machbarkeitsanalyse zum Einsatz des neuen SAP Tools „S/4 HANA Revenue Accounting and Reporting (SAP RAR)“ für die Umsetzung der Anforderungen des Rechnungslegungsstandards IFRS15. Der Kunde zählt zu den globalen Marktführern für den Vertrieb und die Installation moderner Lösungen für große bis sehr große Milchviehbetriebe, insbesondere Melkanlagen und Ausstattungen für einen automatisierten Stallbetrieb.
Spezifikationen
Aufgrund seiner Größe und internationalen Präsenz muss das Unternehmen auch den internationalen Rechnungslegungsstandard IFRS erfüllen. Dieser Standard schreibt unter anderem vor, in welcher Höhe und zu welchem Zeitpunkt ein Unternehmen Umsätze ausweisen muss, wenn es in einzelnen Aufträgen Produkte und Services mischt. Ein gängiges Beispiel ist der Verkauf von Mobiltelefonen für einen symbolischen Preis von 1 EUR in Kombination mit einem längeren Mobilfunkvertrag. Faktisch werden im Mobilfunkvertrag die Kosten des Handys versteckt. Würde das Unternehmen also beim Verkauf des Handys nur 1 EUR Umsatz ausweisen, wäre dies eine zeitliche inkorrekte Darstellung. Unternehmen könnten damit den zeitlichen Anfall der Umsätze verzerrt darstellen. Die Regelungen des IFRS15 zwingen Unternehmen dazu, die Umsätze realistischer auszuweisen. Im Beispiel des Handyvertrages muss der Anbieter also einen höheren Preis als 1 EUR für den Verkauf des Mobiltelefons ausweisen, und im Gegenzug einen entsprechend geringeren Umsatz für den Mobilfunkvertrag über dessen Laufzeit hinweg. Beim betrachteten schwedischen Unternehmen geht es nicht um Handys, sondern um Melkanlagen. Diese werden in Form von Projekten installiert und später regelmäßig gewartet. In der Regel verkauft das Unternehmen Melkanlagen aber inklusive der Installation, die zum Teil mehrere Monate dauert. Außerdem werden langlaufende Wartungsverträge und andere Serviceleistungen in den Preis mit eingeschlossen. IFRS15 fordert nun, diese Leistungen voneinander abzugrenzen und die Umsätze korrekt auszuweisen. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist es überaus kompliziert, die korrekten Beträge für die Umsätze in den einzelnen Perioden zu ermitteln. Die Abbildung in automatisierbaren IT-Systemen ist dann noch eine zusätzliche Herausforderung. Es gibt auf dem Markt derzeit nur sehr wenige Systeme, die dies leisten können. Eines dieser Systeme ist das von SAP angebotene SAP RAR.
Da das Unternehmen aktuell bereits SAP einsetzt und plant in Zukunft nach S/4-HANA zu migrieren, sollte evaluiert werden, welche Möglichkeiten, Risiken und Aufwände eine Einführung von SAP RAR bedeuten würde. Da SAP RAR eine noch sehr neue Lösung ist, liegen kaum Erfahrungen hiermit vor. Aufgabe des Einsatzes war es daher, im Rahmen eines Proof-of-Concepts zu prüfen, ob die Erwartungen des Kunden an dieses System erfüllt werden können. Dies beinhaltete neben der fachlichen Anforderungserhebung beim Kunden auch die Umsetzung in einer SAP Demoumgebung sowie die Präsentation der Ergebnisse vor der IT-Leitung des Kunden. Aufgrund der Corona-Situation erfolgten alle Tätigkeiten und Treffen ausschließlich online. Im Rahmen des Proof-of-Concepts stellte sich heraus, dass selbst eine Lösung wie SAP RAR in bestimmten Konstellationen noch Schwierigkeiten hat, Umsätze im Sinne des IFRS15-Standards korrekt und gleichzeitig mit wenig manuellem Aufwand zu ermitteln. Außerdem stellt die Integration in andere Module wie dem Projektcontrolling noch einen Schwachpunkt dar.
Persönlicher und fachlicher Nutzen
Das Freisemester hat wertvolle Einblicke in die Vorgehensweise von SAP Implementierungsprojekten gegeben, die zukünftig auch in den SAP-bezogenen Lehrveranstaltungen umgesetzt werden.
Autor: Prof. Dr. Andreas Krüger
Anmerkung der Redaktion:
Prof. Dr. Andreas Krüger ist Initiator und Leiter des an der Fakultät für Informatik gegründeten SAP Competence Center für die Technische Hochschule Rosenheim, das hier genauer vorgestellt wird.
Die Informatik ist ein dynamisches, sich stetig weiterentwickelndes Fachgebiet. Insofern ist es hier besonders wichtig, stets neueste Entwicklungen zu verfolgen und sein Wissen immer wieder zu aktualisieren. Am besten funktioniert dies im Rahmen von konkreten realen Projekte im industriellen Umfeld. Ich hatte im Sommersemester 2022 die Möglichkeit mich aufgrund eines halben Industriesemesters in Kooperation mit einem in der Region angesiedelten Beratungsunternehmen um solche Themen zu kümmern und mir im Rahmen aktueller Projekten des Unternehmens anzusehen, welche Vorgehensweisen hier zwischenzeitlich in der Praxis State oft the Art sind.
Schwerpunktthemen
Fachlich konnte ich mich unter anderem mit der sicheren und performanten datentechnischen Anbindung moderner Apps an etablierte große Standardsoftwaresysteme (im aktuellen Fall um die Anbindung an große SAP Systemlandschaften) beschäftigen. Ein weiteres von mir bearbeitetes Themengebiet beschäftigte sich mit der Analyse des Potentials branchenspezifischer Erweiterungen von Standardsoftwaresystemen – auch hier wieder im SAP Umfeld. Zusätzlich konnte ich mich in einzelne Beratungsprojekte, die bei dem Kooperationspartner gerade bearbeitet wurden mit einbringen.
Nutzen für die Fakultät und die Hochschule
Mein Fazit zur an der Fakultät Informatik geübten Praxis des Wissenstransfers zwischen Hochschule und Praxis anhand von Praxissemestern fällt abermals äußerst positiv aus. Zusätzlich zur Aktualisierung des eigenen Wissensstandes, der natürlich auch in zukünftige Lehrveranstaltungen einfließen wird, findet auch ein sinnvoller Ausbau bereits vorhandener Netzwerke statt – was in weiterer Folge natürlich unseren Studenten zu Gute kommt. So wurden aktuell aufgrund der resultierenden Industriekontakte mehrere Bachelor- und Masterarbeiten initiiert und für an SAP-Themen interessierte Studenten die Möglichkeit eines Praxissemesters bei einem hervorragendem Industriepartner ausgebaut. Zusätzlich konnte ich initiieren, das uns mehrere Mitarbeiter des Industriepartners in den kommenden Semestern im Rahmen von spezifischen Fachvorträgen ergänzend zu einzelnen Lehrveranstaltungen zur Verfügung steht.
Autor: Prof. Dr. Bernhard Holaubek