Vortrag: USA-Experte Dr. Josef Braml zeigt Wege für Europa auf

Das Bild zeigt Dr. Josef Braml bei seinem Vortrag an der TH Rosenheim.

Mit dem Politikwissenschaftler und Autor Dr. Josef Braml war ein profunder Kenner der Weltpolitik zu Gast an der Technischen Hochschule Rosenheim. In seinem Vortrag analysierte der USA-Experte ausführlich die aktuellen wirtschafts- und geopolitischen Entwicklungen. Zudem erläuterte er, welche Chancen, Risiken und Handlungsoptionen sich für international tätige Unternehmen sowie für Europa und den Wirtschaftsstandort Deutschland ergeben.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der Vortragsreihe „Unternehmen und Hochschule“ statt, die von der TH Rosenheim gemeinsam mit der Wirtschaftsvereinigung Seeoner Kreis organisiert wird. In seiner Begrüßung verwies Gerald Rhein, Vorsitzender des Seeoner Kreises, auf die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren und die eigene Handlungsfähigkeit zu stärken. Dies sei zunächst eine Aufgabe der großen Politik, aber auch die Unternehmen könnten ihren Teil dazu beitragen, sagte Rhein. Vor diesem Hintergrund sei der enge Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik von großer Bedeutung.

Abstiegsangst spült Trump an die Macht

Braml ging in seinem Vortrag zunächst darauf ein, wie Donald Trump zum zweiten Mal in den USA an die Macht gekommen ist. „Trump ist kein politischer Unfall, sondern das Symptom einer tieferen amerikanischen Krise. Er hat verstanden, wie er die Psychologie einer gespaltenen Nation für sich nutzt: Millionen Amerikaner haben reale Erfahrungen mit sozialem Abstieg gemacht oder leben in der ständigen Angst, wirtschaftlich abgehängt und von Eliten übervorteilt zu werden“, erläuterte der USA-Experte. Diese kollektive Abstiegsangst mache die Menschen empfänglich für die von Trump projizierte Rolle des unfehlbaren, starken Anführers. Seine Wähler sähen in seiner Aggressivität und Dominanz ein Ventil für die eigene Frustration. „Mit Trump haben die Leute sozusagen eine Handgranate gewählt, die das System wegbläst. Und er hat sie nicht enttäuscht“, so Braml.

Ausführlich analysierte der Politikwissenschaftler das Leitmotiv der transatlantischen Illusion. „Es ist ein Trugschluss, dass die USA, unabhängig vom jeweiligen Präsidenten, dauerhaft die europäische Sicherheit und Wirtschaftserfolge garantieren werden. Die USA agieren aus reinem nationalen Eigeninteresse und richten ihren strategischen Fokus primär auf die Systemrivalität mit China“, betonte Braml. Seinen Worten nach ist der klassische multilaterale Freihandel zu Ende. Die Weltpolitik ist demnach in eine Phase des harten Merkantilismus eingetreten. Wirtschaft, Zölle, Technologiekontrolle und nationale Sicherheit werden von den Großmächten direkt miteinander verknüpft. „Trump kennt in seinem Narzissmus nur die Kategorien Sieger und Verlierer. Er will gewinnen, und zwar immer. Eine Win-Win-Situation, die beiden Seiten nutzt, lehnt er ab.“

Forderung nach strategischer Autonomie

In diesem Zusammenhang warnte Braml davor, Trumps erratischen Kurs als bloße Inkompetenz abzutun; dahinter stecke eine kalkulierte Machtlogik. „Er bricht bewusst Regeln und attackiert demokratische Institutionen, um das Vertrauen in das gesamte politische System zu untergraben. Er schürt Feindbilder im In- und Ausland, um ein permanentes Bedrohungsszenario aufrechtzuerhalten.“ Eine zentrale Forderung Bramls lautet deshalb, dass Europa dringend strategische Autonomie erlangt. „Wir müssen uns so aufstellen, dass wir uns selbst schützen und als ernstzunehmender Akteur auftreten können. Erst wenn Europa verteidigungsfähig ist, wird es von Mächten wie den USA oder China als Verhandlungspartner akzeptiert.“

Außerdem sei wichtig, die wirtschaftliche Souveränität als Schutzschild zu nutzen, zum Beispiel durch den strategischen Schutz kritischer Infrastrukturen, die Verringerung einseitiger Abhängigkeiten bei Rohstoffen und Technologien sowie die Entwicklung eigener geoökonomischer Handlungsoptionen. „Unternehmen dürfen sich bei ihren Lieferketten, Absatzmärkten und Rohstoffquellen keinesfalls auf nur einen dominanten Partner verlassen. Investitionen müssen vermehrt in Länder verlagert werden, die geopolitisch verlässlich und regelbasiert agieren“, so Braml. Unternehmen müssten auch lernen, ökonomische Entscheidungen nicht mehr nur nach dem Kriterium der maximalen Kosteneffizienz (z. B. „Just-in-Time“) zu treffen, sondern nach dem Kriterium der Resilienz („Just-in-Case“).

„Wir müssen endlich den aufrechten Gang lernen“

Zentral ist für den Wissenschaftler die Stärkung der europäischen Identität. Dazu gehört seiner Meinung nach, dass europäische Investitionen verstärkt in die eigene europäische Infrastruktur und Technologie fließen. Zudem sei es von großer Bedeutung, die europäische Integration aktiv voranzutreiben. Nur ein geeinter europäischer Binnenmarkt mit eigener Finanzkraft und einem gestärkten Euro biete Unternehmen das nötige politische Schutzschild gegen Erpressungsversuche von außen. Und es brauche ein neues europäisches Selbstbewusstsein: „Es ist kaum anzusehen, wie unterwürfig unsere Spitzenpolitiker gegenüber Trump und der amerikanischen Führung auftreten. Das Gegenteil muss der Fall sein. Wir müssen endlich den aufrechten Gang lernen!“

Bei einer Diskussionsrunde im Anschluss an den Vortrag wurde das Thema unter der Leitung von Professorin Dr. Brigitte Kölzer-Löffler aus weiteren Perspektiven beleuchtet. Teilnehmende waren Julian Schulz, Leitung Vertrieb Folie bei der Schattdecor SE, Carsten Ritterbach, Geschäftsführer des Forum Holzbau, Professorin Dr. Carlin Fleischmann von der TH Rosenheim und USA-Experte Braml. Dabei hatte auch das Publikum Gelegenheit, seine Fragen an die Runde zu stellen.