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Seeoner Gespräche zur Disruption durch die Digitalisierung

Die Seeoner Gespräche vereinen Protagonisten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik

Zum Informationsaustausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik hatte der Seeoner Kreis wieder zu den Seeoner Gesprächen eingeladen. Das zentrale Thema war die Digitalisierung und die Herausforderungen dieser Transformation.

Prof. Rudolf Bäßler, Leiter der Weiterbildung an der TH Rosenheim, eröffnete die Veranstaltung mit der Frage, wie wir mit der Digitalisierung umgehen und welchen Stellenwert sie in der Agenda des Freistaates Bayern hat. Der Blick in die Zukunft stand den ganzen Tag über im Mittelpunkt der Redner. „Wir wollen ein bisschen nachdenklich, aber inspiriert nach der Veranstaltung sein“, so Franz Winterer, Vorstandsvorsitzender des Seeoner Kreises.

Ministerialdirigent Christian Schoppik ging in seinem Vortrag „Hightech Agenda Bayern – Innovationsoffensive für eine Welt im disruptiven Wandel“ auf die Rolle der Politik ein. Es gäbe zahlreiche Anzeichen für diese Veränderung durch die Digitalisierung, die Hightech Agenda Bayern sei die Antwort des Freistaates auf diese Herausforderungen. „Wir sind stolz auf unsere Produktion, aber die Dematerialisierung der Wertschöpfung verändert sich exponentiell“, so Schoppik. Deutschland, ein Land der Tüftler und Denker, habe den Anspruch alles noch ein bisschen besser zu machen. Die Gefahr sei, dass man Veränderungen zu wenig oder zu spät erkenne und damit die nächste Stufe der Disruption verpasse. „In Bayern hat die Industrie den Wandel erkannt und steuert nun massiv dagegen“, so Schoppik. „Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen stark an, zu Lasten der Dividende. Das machen Unternehmen nur aus der Not heraus“.

Gute Nachrichten hatte er für die TH Rosenheim. Im gerade verabschiedeten Nachtragshaushalt sind sowohl der neue x-Bau, als auch das Forschungszentrum in Waldkraiburg verabschiedet worden. Die Aufgabe des Staates sei es durch die Schaffung der richtigen Studiengänge und genug Studienplätzen den Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften zu antizipieren, um so rechtzeitig die nötigen Mitarbeiter parat zu haben. Bayern laufe den anderen Bundesländern zwar davon, im Vergleich zu Südkorea oder China seien die Investitionen in Forschung und Entwicklung aber nach wie vor zu gering. „Wir müssen unser Wissen schneller zur Wirkung bringen“, mahnte Schoppik. Studenten müssen ab dem ersten Semester einen Anreiz haben Unternehmer zu werden, selbst aktiv zu sein und Wissens- und Innovationsnetzwerke zu nutzen. „Der Seeoner Kreis ist hier das Vorbild“, lobte der Ministerialdirigent.

Der Freistaat investiert 2,5 Milliarden Euro in den Netzausbau, in digitale Gründerzentren und den Wachstumsfonds Bayern für Wagniskapital. Im Bayern Digital II Pakt nimmt er weitere 3 Milliarden Euro in die Hand. Seit 2010 gibt es einen massiven Anstieg der Informatikstudierenden. Ein Drittel davon ist heute an Hochschulen für angewandte Wissenschaften eingeschrieben. Die politische Richtung sei also sehr gut, weitere 10.000 neue Studienplätze sind geplant. „Das wird ein echter Durchbruch für Bayern sein“, ist sich Christian Schoppik sicher.

Nahtlos an Christian Schoppik schloss sich der Vortrag von Prof. Heinrich Köster, Präsident der Technischen Hochschule Rosenheim, an. Seine Sicht der Dinge komplementierte das Konzept der Politik. „Auch im Ministerium geht es nach Leistungsprinzipien und dem volkswirtschaftlichen Nutzen. An der TH beschäftigen wir uns intensiv mit KI. Wir müssen uns spurten, um im Rennen zu bleiben, denn es geht nicht nur um die Produkte, sondern vor allem um die Technologie“. Köster betonte die kontinuierliche Frage an den Hochschulen wie man aufgestellt sei für die Zukunft und dass es heute wichtiger denn je ist nicht in Kästen, sondern horizontal zu denken. Kompetenzen vereinigen und bündeln, ist das Credo. Dafür muss die Lehre neu gedacht werden. „Als Technische Hochschule haben wir die Aufgabe die Produktivität durch KI zu steigern und den Abbau von Barrieren zwischen Mensch und Maschine voranzutreiben. Wir freuen uns auf diese Herausforderung und gehen mit dem Ministerium Hand in Hand“, so der Präsident der TH Rosenheim.

Konkret wurde der Vortrag von Heinrich Köster in der anschließenden Präsentation der Professoren Uwe Strohbeck, Oliver Kramer und Gerd Beneken. Sie stellten das Innovationslabor mit beeindruckenden Daten vor:  550.000 Euro Fördersumme, 70.000 Euro Umsatz, 100 Projekte, 50 Partnerunternehmen und 400 Studien in den letzten Jahren. Bei allen Projekten steht das Tun des Studenten im Vordergrund, Wissen wird praktisch nebenbei erworben. „Erfolgreiche Lehre ist immer noch völlig analog, echte Kunden, echte Fragestellungen, individuelles und regelmäßiges Feedback für die Studierenden, dann die Ergebnisse öffentlich teilen. Das ist motivierend für die Studierenden, sie identifizieren sich mit ihrem Projekt und lernen Eigenverantwortung“, so Gerd Beneken. Oliver Kramer zeigte auf der Bühne in der Praxis die Arbeit des Proto_labs: eine dezentrale, mobile und flexible Produktion, die einen durchgängigen I4.0 Prozess ermöglicht und Anwendung sowohl in kleinen Handwerks-, als auch großen Industriebetrieben findet. „Systemdenken, Selbstorganisation, Beherrschung von Komplexität: das nehmen unsere Studierenden aus dem Projekt mit und das wird den Führungsstil der Zukunft ausmachen. Wir gehen weg von der klassischen Vorlesung und schaffen Räume für Entfaltung um Führung zu lernen“, beschrieb Kramer.

Als zentralen Redner hatte der Seeoner Kreis dieses Jahr Prof. Dr. Horst Wildemann geladen. Der Experte für digitale Transformation sprach über Management im digitalen Zeitalter. „Die Digitalisierung erfordert ein anderes Management, wir sind in einer Krise, die von der Technologie getrieben wird. Veränderungen sind nicht mehr planbar, sondern disruptiv und die Unsicherheiten im Management nehmen durch die Globalisierung und das Kundenverhalten zu. Dazu hat sich die Wettbewerbsintensität erhöht“, erklärte Wildemann.

Die Transformation schreite rasant voran, Agilität werde zu einem Erfolgsfaktor. Das sei schwer beherrschbar, aber mit Hilfe von Daten immer besser prognostizierbar und damit zu managen. Das zentrale Problem werde der Verlust von Stellen sein. Wildemann erklärte diese Entwicklung mit drastischen Worten: „Die Technologie führt zu Freisetzungsmechanismen um die 50%. Die, die rausfliegen bringen Sie trotz bester Ausbildung nicht in andere Stellen hinein. Es ist gut, dass der Staat hier schon die Initiative ergreift, weil man diese Transformation im Management berücksichtigen muss. Die Digitalisierung erfordert eine ungleiche Verteilung der Ressourcen, Gleichheit geht nicht mehr. Ich brauche eine Vision und muss meine Mitarbeiter einschwören, damit sie mitziehen“.

Leadership heißt heute nicht nur die Richtung vorzugeben. Führung und Kultur müssen neu definiert werden und Menschen können nur durch Menschen geführt werden, um Sinn und Orientierung zu bekommen. Das wird auch in der Zukunft so bleiben, ist sich Wildemann sicher. Trial and Error, also Versuch und Scheitern, müssten stärker zugelassen werden in Unternehmen. Wildemann rief die Manager dazu auf alte Denkmuster zu durchbrechen, agilere Entscheidungswege zu entwickeln, analoge und digitale Prozesse zu vereinen und sich den neuen Veränderungen zu stellen, um einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu gewinnen.

An der anschließenden Diskussionsrunde nahmen die Protagonisten aus den verschiedenen Bereichen teil: Prof. Heinrich Köster als Vertreter der Bildung, Dr. Helmut Schwarz, Werksleiter der Krones AG in Rosenheim für die Wirtschaft, Ministerialdirigent Christian Schoppik für die Politik und Horst Wildemann als Experte für Unternehmensführung.

Wie könnten kleine und mittelständische Unternehmen die Digitalisierung überleben, wollte Franz Winterer wissen. „Diese Unternehmen müssen Visionen haben, ihre Mitarbeiter in den Prozess der Transformation einbinden und jetzt eine Lösung anbieten, nicht auf eine Lösung von außen warten“, so Wildemann. „Es werden Stellen frei, die man nicht für die Digitalisierung verwenden kann, dem muss man sich als Unternehmen stellen. Schwierig ist es, wenn eine Fabrik ins Ausland verlagert wird. Denn meist wird dann auch die Forschung und Entwicklung dahin abgezogen, da müsste die Politik eingreifen“, beschrieb Helmut Schwarz die Situation der Industrie.

In der Produktion ist I 4.0. schon weit fortgeschritten, trifft das auf Krones zu, hakte Franz Winterer nach. „Wir haben die intelligent vernetzte smarte Fabrik ausgerufen und bewegen uns dahin. Das soll voll integriert werden. Aber digital ist alles schnell erstellt, das Einführen ist nicht so einfach. Da steckt viel Entwicklung dahinter. Maßgeblicher Treiber ist die Wirtschaftlichkeit“, erklärte Schwarz.

Die Frage nach der Zukunft des Produktionsstandortes Bayern ging an Christian Schoppik. „Wir haben ein Problem bei den niedrig qualifizierten Arbeitnehmern in der Produktion. Deshalb gibt es die Diskussion um das Grundeinkommen oder die Robotersteuer. Der Staat muss Lösungen finden für das System der Umlage. Für freiwerdende Mitarbeiter fehlen Jobs, und wir stehen unter wirtschaftlichem Druck. Da muss ein neuer Gesellschaftsvertrag entwickelt werden. Wir müssen neu definieren was Erfolg und Arbeit ist, das wird eine riesige Leistung“.

Ein Schlüssel zum Erfolg wird das lebenslange Lernen sein. Heinrich Köster sieht die TH Rosenheim hier gut aufgestellt: „Wir sind sehr aktiv, haben viele Kooperationen. Unser Angebot in den Weiterbildungsstudiengängen wird sehr gut angenommen. Wir haben kontinuierlich Veranstaltungen an der TH. Auf der Ebene der Bildung müssen wir auch in der gesellschaftlichen Ebene etwas tun und Antworten finden. Die Hochschule darf hier nicht nur einseitig etwas anbieten, sondern ganzheitlich“.

Der Wandel der Digitalisierung erfordert ein ganz anderes Wissen, andere Hierarchien und eine schnellere Planung, so Bettina Oestreich, Geschäftsführerin des Seeoner Kreises, abschließend. Die nächsten Seeoner Gespräche sind für den 20.11.2020 geplant.

 

Zum Download:

Pressemitteilung (Word-Format)
Pressemitteilung (PDF-Format)

Foto 1: Protagonisten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik treffen sich bei den Seeoner Gesprächen
Foto 2: Prof. Dr. Horst Wildemann bei seinem Vortrag über das Management im digitalen Zeitalter
Foto 3: Franz Winterer, Vorstandsvorsitzender des Seeoner Kreises bei seiner Begrüßungsrede

Foto 4: Prof. Oliver Kramer zeigte live auf der Bühne einen digitalen Prozess aus der Industrie 4.0
Foto 5: Bei der abschließenden Diskussionsrunde ging es nochmal um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen durch die Digialisierung

 

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