Robotik in der Pflege – trotz Hype noch ein langer Weg!

Novembertagung der Gesundheitsregionplus an der TH Rosenheim beschäftigt sich mit Robotik in der Pflege.

Prof. Dr. Martin Müller TH Rosenheim, Ute Engelmann Caritas-Zentrum Garmisch-Partenkirchen, Lisa Burr TU München, stv. Landrat Josef Huber, Gerhard Potuschek ehem. Barmer Bayern, Josef Rester Bürgerhilfe Pfaffing e.V. Dr. Gitte Händel Gesundheitsregionplus Landkreis Rosenheim, Präsident Prof. Heinrich Köster TH Rosenheim, Evi Faltner Mehrgenerationenhaus Flintsbach

Es sei ein Weg, der etwas unheimlich erscheine und trotzdem ist es ein Thema, an dem man nicht vorbeikomme. Mit diesen Worten umrissen der stellvertretende Landrat Josef Huber und der Präsident der Technischen Hochschule Rosenheim Prof. Heinrich Köster die aktuelle Lage zum Thema Robotik in der Pflege in ihren Grußworten. 55 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Gesundheitswesen und Pflege ließen sich bei der Tagung an der TH Rosenheim von Expertinnen und Experten über den aktuellen Forschungsstand der Robotik in der Pflege informieren. Eine Podiumsdiskussion beleuchtete abschließend das Thema aus der Sicht von Bürgern, Politikern, Pflegekassen und Pflegepraktikern.

Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Martin Müller (TH Rosenheim) zeigte in seinem Vortrag auf, dass die aktuelle Studienlage mangelhaft ist und Belege fehlen, die nahelegen, dass der Einsatz der aktuell erhältlichen Robotik sinnvoll und aus Patientensicht nützlich sein kann. Wenn Studien praxisrelevante Ergebnisse erzeugen sollen, müssten sie die Komplexität der Situation reflektieren. Das ist bisher nicht gegeben. Schließlich gehe es nicht nur darum, dass ein Roboter technisch funktioniert. Nützlich ist ein Roboter erst dann, wenn er verschiedene Aufgaben übernehmen kann, die im Alltag – z. B. in einem Pflegeheim – entstehen. Außerdem muss klar sein, inwieweit diese Hilfe in Arbeitsabläufe integriert werden, und unter welchen Umständen es negative Auswirkungen auf Pflegebedürftige und andere Beteiligte geben kann. Wie man das untersucht, veranschaulichte Prof. Müller an einem Forschungsprojekt, das die TH Rosenheim gemeinsam mit den TUs München und Darmstadt durchführt.

Lisa Burr, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Munich School for Robotics and Machine Intelligence der TU München, erläuterte das Forschungsprogramm, das von Gründer Prof. Sami Haddadin am Zentrum für Geriatronik in Garmisch-Partenkirchen entsteht soll. Es geht um die Frage, wie Robotik helfen kann, möglichst lange und selbständig in den eigenen vier Wänden leben zu können. In einer Musterwohnung werden Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtungen zusammen arbeiten und Antworten auf diese Frage suchen.

Ute Engelmann vom Caritas-Zentrum in Garmisch-Partenkirchen beschrieb aus Sicht der Praxis, dass Roboter Helfer sein werden. „Pflegekräfte werden sie nicht ersetzen, denn Beziehungsarbeit ist menschlich“, ist die Position des Caritasverbandes. Aus ethischer Sicht ist es außerdem unverzichtbar, dass alle technischen Installationen, und dazu gehört auch Robotik, vom Pflegebedürftigen persönlich gewollt und befürwortet werde. Der Angst vor der Robotik entgegnete sie mit einem 100 Jahre alten Zitat von Henry Ford: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.“ Das Auto war damals so undenkbar wie noch vor 20 Jahren das Smartphone.

Die abschließende Podiumsdiskussion, die Evi Faltner vom Mehrgenerationenhaus in Flintsbach moderierte, rundete den Blick auf das Thema ab. Man müsse endlich beginnen, offen darüber zu diskutieren, ob die Dinge, die entwickelt werden, auch tatsächlich den alten Menschen zugemutet werden sollen, forderte Prof. Müller. Für den Landtagsabgeordneten Andreas Krahl von Bündnis90/Die Grünen, selbst examinierte Pflegefachkraft, hat die Situation in der Pflege das Potenzial für eine humanitäre Katastrophe.

Es sei kein zentrales Problem, das öffentlich auffalle, sondern ein dezentrales, das sich in vielen einzelnen Schicksalen zeige. Wer denn die Kosten für Roboter in der Pflege zahlen solle, fragte Moderatorin Evi Faltner. Dazu könne man heute noch nichts sagen, meinte Gerhard Potuschek, ehemaliger Geschäftsführer der Barmer Bayern. Entscheidende Dinge wisse man noch nicht: So lange es keine belastbare Evidenz für den Nutzen von robotischen Systemen gebe, brauche man über die Finanzierung nicht zu reden. Josef Rester von der Bürgerhilfe in Pfaffing und geladen als Verbrauchervertreter lenkte den Blick noch einmal auf die pflegebedürftige Person: Diese wolle unterhalten werden und brauche eine vertraute Stimme, die mit ihr spricht. Ein Pflegebedürftiger wisse möglicherweise nicht, was Ethik ist, aber er fühle sehr genau, wie mit ihm umgegangen werde. Erst wenn man die technischen Gegebenheiten so nutzen könne, wie man es selbst möchte, werden sie in unserem Leben und der Pflege eine Rolle spielen, so Lisa Burr. Das ist nicht zu erreichen, wenn nicht alle in die Diskussion und Entwicklung von Robotik einbezogen werden. Insbesondere gilt das für die heutigen Pflegekräfte und die jungen Menschen, die sich für diesen Beruf entscheiden. 

Nähere Informationen zu Forschungsprojekten der TH Rosenheim im Bereich Robotik in der Pflege erhalten Sie beim Projektleiter Prof. Dr. Martin Müller: martin.mueller* Bitte diesen Text entfernen *@th-rosenheim.de.

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